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Der weg zur gedenkstätte

 

Persönliche Erinnerung von Pastor Lutz Jedeck

 

jedeck portraitEr steht am geborgenen Rettungsboot II der Pamir. Fast 50 Jahre ist es her, dass dieses Boot sein Leben rettete: Günter Haselbach.


Wir treffen uns das erste Mal, als der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2001 St. Jakobi und die Pamirkapelle besucht. Für uns alle ein besonderer Tag. Deutlich wird, wie wichtig es ist, Orte zu haben, an denen man an Menschen denken kann, mit denen man sich verbunden fühlt: Gedenkorte. Es fällt das Wort: „Alleinstellungsmerkmal weltweit“.


Das Wort klingt in diesem Zusammenhang sehr technisch. Doch es fällt uns wie Schuppen von den Augen: Weltweit gibt es keinen Ort des Gedenkens für die Menschen der zivilen Schifffahrt.


Wir staunen, die großen historischen Seefahrernationen: Spanien, England, Portugal. Die Seefahrt in der Jetztzeit: Über 90% der Waren weltweit werden mit dem Schiff transportiert. Und trotz aller Sicherheitstechnik: Schiffe, zum Teil riesige Pötte, verschwinden urplötzlich in den Tiefen der Meere. Allein im Jahr 2006 sanken 86 große Schiffe und viele Menschenleben waren zu beklagen. Gedenkstätte für Tiere, gibt es. Gedenkstätten für Surfer, die von einem Hai angefallen wurden, gibt es, aber für die Opfer der zivilen Schifffahrt?


Die ersten Gedanken in diese Richtung entstanden 2001 im Advent, als wir dicht gedrängt um das Pamirboot standen: Bundespräsident Johannes Rau, Ministerpräsidentin Heide Simonis, Ministerpräsident a.D. Björn Engholm, Bürgermeister Bernd Saxe, Günter Haselbach und wir Pastoren.


Zum ersten Mal berichtet Günter Haselbach von den Tagen in dem Boot, das seit der Gerichtsverhandlung 1958 in Lübeck über die Unglücksursache des Untergangs der Pamir, in St. Jakobi steht: „Unser Rettungsboot mit der Nummer II wurde zum Sammelpunkt für über 20 Mann, die nach und nach schwimmend eintrafen, die letzten nach vielen Stunden in dunkler Nacht. Wind und Wellen trieben das Boot von der Pamir fort. Bis fast zuletzt war noch ein Mann auf der kieloben treibenden Pamir zu sehen gewesen.


Die steil herabfallenden, brechenden Kämme der Sturmseen zwangen das Boot mit den Männern immer wieder unter Wasser und ließen es mehrfach kentern. Den Atem anzuhalten und sich einen Halt zu bewahren, war das Gebot. Nur die Köpfe, gelegentlich die Schultern waren über dem Wasser zu sehen. Schon in der ersten Nacht wurden Dampferlichter gesichtet, und die Idee einer freundlichen Messe und einer Tasse Tee gaben Hoffnung. Drei Mann gingen verloren in der ersten Nacht.


pamir-neuAn den Folgetagen wurden wiederholt Fahrzeuge und Flugzeuge gesichtet, einen Tanker konnte man unterscheiden. Die Männer versuchten das Boot mit Hilfe der Riemen zu stabilisieren. Die Wasserfässer waren fortgespült, die verbliebenen mit Seewasser vergällt. Schiffskeks, stark gesüßte, dicke Milch in Cans und Dextro Energen wurden redlich geteilt. Seenotsignale, soweit noch vorhanden und zu betreiben, versagten in der Nässe. Am Morgen des dritten Tages nach dem Untergang waren noch 8 Mann im Boot. Von 21 Männern, die das Boot erreicht hatten, wurde nach 72 Stunden durch die US Coast Guard, Cutter "Absecon", nur einer lebend geborgen.“


Wir sind betroffen von den Worten Günter Haselbachs, hinein genommen in sein Schicksal als junger Mensch. Auch in seine Frage: Warum habe ich als einziger überlebt. In die Stille fällt der Lieblingsvers von Johannes Rau: „Wenn Gott, der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
50 Jahre liegt das Boot nun in unserer Kirche. Jedes Jahr im Frühjahr kommt das schwedische Segelschulschiff Gunilla nach Lübeck. Der erste Landgang des Kapitäns mit seiner Crew von etwa 50 jungen Teenagern führt ihn jedes Jahr in die Pamirkapelle. „Wir wollen Dank sagen, dass wir ohne größere Komplikationen diesen Teil unsres Törns geschafft haben.“


Und eines der jungen schwedischen Mädchen erzählt mir: „Wir sind hier an dem Rettungsboot und wollen den Respekt vor dem Wasser nicht verlieren.“

 

Dass vom Unglück der „Pamir“ vor 50 Jahren so überproportional viele junge Leute betroffen wurden, stellt junge Menschen wirklich vor eine existenzielle Frage: „Das könnte auch mir oder dir passieren, mein Leben ist nicht so sicher, wie ich das bisher immer gedacht habe.“ Das zu verarbeiten, damit umzugehen, ist eine wichtige Aufgabe. Erinnerung und Verantwortung für das eigene Leben gehören ja ebenso zusammen wie Erinnerung und Zutrauen zur eigenen Zukunft. Einen solchen Vorgang auch symbolisch zu nehmen und mit vielen jungen Leuten hierher zu kommen und darüber zu sprechen, ist eine wichtige und eine hervorragende Gelegenheit.

 

Das Boot und die Kapelle sind aber auch zu einem Ort der Hoffnung geworden für alle, die in Ihrem Leben Schiffbruch erlitten haben und das sind nicht nur Menschen, die ihr Leben auf See verbrachten.


Wenn ich mit Menschen an dem Pamirrettungsboot spreche, die nie zur See gefahren sind, höre ich von manchen Stürmen, die zu durchstehen waren, auch von etlichen Schiffbrüchen. Dann schwingt leise in mir der Satz aus dem Jakobusbrief: Wenn Gott, der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. Manchmal sage ich ihn laut und oft hilft er.

 

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